Olivenölkrise wegen Mineralöl. Warum die Medien das Problem sind.

Aktualisiert: 7. Mai 2019



Während man hier in der Schweiz womöglich kaum Notiz davon genommen hat, dürften die deutschen Konsumenten dieser Tage dem Olivenöl wieder vermehrt den Rücken kehren. Deutschland hat nämlich seinen nächsten Olivenölskandal. Es ist ein folgenschwerer zugleich: jedes zweite Olivenöl soll "stark" mit Mineralöl verunreinigt sein. Diese Botschaft verkünden zahlreiche deutsche Medien und berufen sich dabei auf die in der Mai-Ausgabe des ÖKO-TEST publizierten Resultate eines Olivenöltests, bei welchem 20 Olivenöle chemisch-analytisch und sensorisch geprüft wurden. Mineralöl in Olivenöl. Ein Problem. Mit Mineralöl verunreinigtes Olivenöl ist den deutschen Konsumenten nicht neu: Etwas über drei Jahre ist es her, seit Stiftung Warentest in ihren am 29. Januar 2016 veröffentlichten Resultaten zu einem Olivenöltest den ersten Olivenöl-Mineralölgate losgetreten hatte. Fünf von sechsundzwanzig geprüften Olivenölen waren gemäss Stiftung Warentest stark mit Mineralöl belastet. Stiftung Warentest gelang damit eine Punktlandung. Sie hatte damit einen Skandal losgetreten. Einen Olivenölskandal. Für die Medien ein gefundenes Fressen. Für die Konsumenten die Gewissheit, dass Olivenöl seinen Ruf als Risikoprodukt nicht ablegen kann und selbst Spitzenproduzenten nicht zu trauen ist. Die auf Olivenölthemen spezialisierte Zeitschrift Merum veröffentlichte am 10. Februar 2016 unter anderem eine Kundenrückmeldung eines Händlers, der eines der betroffenen Produkte aus Sizilien importiert hatte. Diese lautete: «für 40 Euro pro Liter möchte ich ein einwandfreies Olivenöl aus Sizilien genießen und keinen mangelhaften Benzinverschnitt. Dass Sie das schlechteste und teuerste Öl aus dem Test anbieten und wir Trottel Ihnen auf den Leim gegangen sind, werden wir nicht vergessen. Es waren wie immer unsere Freunde aus Italien, diese ewigen Panscher, die diese Nummer wieder hingezaubert haben, grüßen Sie die Leute von Agrestis. Wir haben diesen Dreck heute Abend zum Müll gefahren.» Für den Produzenten Agrestis, der diesen Testwettbewerb der Stiftung Warentest eigentlich locker für sich entschieden hätte, wäre da der Mineralölrückstandstest nicht gewesen, wurde die Veröffentlichung der Testergebnisse zum GAU. Er lag in der Endwertung auf dem letzten Rang. Weit hinter Lidls Primadonna. Kunden, Importeure, Händler - viele wandten sich vom sizilianischen Spitzenerzeuger ab. Agrestis verlor aber nicht nur Kunden, sondern auch Glaubwürdigkeit. Wer will schon mit Diesel gepanschtes Olivenöl über seinen Salat träufeln? So dachten viele Konsumenten. Egal ob bei der Aldi-Eigenmarke oder beim Markenprodukt Bertolli - ÖKO-TEST findet überall Mineralöl Der neuerliche Mineralölgate von ÖKO-TEST verschonte dieses Mal fast keinen der geprüften Teilnehmer. La Española, Bio Planete, Gaea, Bertolli, Monini, Bläuel, De Cecco und unter weiteren anderen die Eigenmarken von Lidl, Rewe und Aldi. In ihren Olivenölen wurden "stark oder gar sehr stark erhöhte" Mineralölrückstände nachgewiesen. Grund genug, die Konsumenten vor dem Kauf dieser Olivenölen zu warnen. So titelte etwa DIE Bunte: "Vorsicht bei Olivenöl: Fast alle fallen in Rest durch."

Die Frage, die sich die Konsumenten zu Recht stellen: Wie kommt das Mineralöl ins Olivenöl? Mineralöle, resp. Produkte daraus sind aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Wir alle konsumieren sie. Viele Produkte unseres täglichen Bedarfs haben ihren Ursprung in Mineralöl, zudem kommen Mineralöle in unserer heutigen Umwelt nahezu überall vor. Auch in Lebens-, resp. Nahrungsmitteln. In Nahrungsmitteln sind sie zwar unerwünscht, allerdings nicht restlos vermeidbar, da die sogenannten Eintragsmöglichkeiten von Mineralöl in Nahrungsmittel in der heutigen Zeit sehr vielseitig sein können. Denken Sie dabei nur an Abgase. Oliven oder auch Äpfel etwa können aufgrund von Abgasen, zum Beispiel wenn ein Traktor diese vom Feld zur Mühle oder zur Mosterei fährt, mit Mineralöl kontaminiert werden. Das Land wird nun mal nicht mit Elektrofahrzeugen bestellt, weshalb man die Einträge von Mineralöl in die landwirtschaftlichen Erzeugnisse auf diesem Weg nur mit saubereren Fahrzeugen und Maschinen erreichen kann. Abgase stellen aber nur eine unter vielen Kontaminierungsgefahren dar. Eine weitere sind mikrokristalline Paraffine, eine Untergruppe von MOSH, die als „mikrokristallines Wachs“ beispielsweise als Zusatzstoff für Lebensmittel (E 905) zugelassen sind. Man kennt mikrokristallines Wachs als Überzugsmittel für Gouda- oder BabyBel-Käse, zudem darf es zur Oberflächenbehandlung von Obstsorten wie Melone, Papaya, Mango und Avocado eingesetzt werden. Ein weiterer Eintragsfaktor ist zudem reines Paraffinöl, welches von der Europäischen Union als Pflanzenschutzmittel im biologischen Landbau zugelassen ist. Es wird gerade in mediterranen Regionen - etwa beim Anbau von Mandeln - eingesetzt, was Kreuzkontaminationen auf andere landwirtschaftliche Erzeugnisse ermöglicht. Und nicht zuletzt gelten auch Weissöle zum Schmieren von Maschinen (bspw. Verarbeitungsmaschinen) als Quellen für Mineralöleinträge in Nahrungsmittel. Warum Laboratorien gerade in Olivenöl häufig Mineralölrückstände finden Aufgrund ihrer chemischen Ähnlichkeit zu natürlich vorkommenden Kohlenwasserstoffen in Olivenölen (Squalen, Paraffine, Terpene) ist die Analytik von sogenannten MOSH und MOAH (mit den Abkürzungen MOSH und MOAH werden zwei unterschiedliche Gruppen von Kohlenwasserstoffen bezeichnet, die im Mineralöl vorkommen) in Olivenölen äusserst anspruchsvoll. Häufig kommt es bei der Analytik von MOSH und MOAH in Olivenöl zu Fehlinterpretationen. Resultate aus Ringversuchen zur Validierung der Testnorm DIN EN 16995, nach welcher auch ÖKO-TEST die Olivenöle hat untersuchen lassen, zeigten zudem, dass erhebliche Messunsicherheiten in der Analyse von MOSH und MOAH unter Vergleichsbedingungen bestehen. Das heisst nichts anderes, als dass von Labor zu Labor unterschiedliche Resultate für die gleiche Probe ermittelt werden. Entsprechend sollten Laborresultate hinsichtlich MOSH und MOAH sehr vorsichtig interpretiert und kommuniziert werden. Trotz zahlreicher Massnahmen zur Vermeidung oder Verminderung von vermeintlichen Mineralölen stagnieren in vielen Produkten die Werte möglicher Rückstände. Das wirft Fragen hinsichtlich der angewendeten analytischen Methoden auf, da die Tendenz der falsch positiven Ergebnisse zugenommen hat. Sie müssen wissen, dass nicht unbedingt ein Mineralölrückstand vorliegt, wenn in einem Lebensmittel MOSH/MOAH-Humps detektiert werden. Je komplexer ein Lebensmittel ist, desto mehr natürliche Interferenzen treten auf. Und desto vorsichtiger sind die Messwerte zu interpretieren.


Und trotzdem: Mineralölrückstände in Olivenöl zu finden ist gar nicht so aussergewöhnlich. Dies obschon die meisten Produzenten und Abfüller heute versuchen, die Einträge zu verhindern oder diese zumindest deutlich zu verringern. In einer modernen Welt, in welcher wir leben, ist Mineralöl allgegenwärtig. Mineralöl hat uns all jenen Luxus beschert, den wir heute für selbstverständlich halten. Unsere Welt wäre ohne Mineralöl nicht die gleiche. Und ich, ja ich würde diesen Blog nicht schreiben, während dem ich nach Hamburg zu meinen Olivenöl Freunden von artefakt fliege. Die Kehrseite dieser Medaille der gesellschaftlichen und industriellen Entwicklung ist ganz klar die Verschmutzung unserer Umwelt und die Oliven sind dabei nur eines der bekannten Opfer. Wir müssen uns als Gesellschaft also überlegen, was wir wollen. Was uns wichtig ist. Komfort mit Mineralöl und all den derzeitigen Konsequenzen? Oder doch lieber zurück zu den “Wurzeln”? Olivenöl krebserregend wegen Mineralöl? Die Frage, welche die Konsumenten in dieser Zeit beschäftigt, ist, ob Olivenöl trotz ÖKO-TEST-Resultat bedenkenlos gekauft und konsumiert werden könne oder ob im umgekehrten Fall gar eine Gesundheitsgefährdung beim Konsum des mediterranen Goldes bestehen könnte? Die deutsche Medienlandschaft jedenfalls steht geschlossen hinter der Behauptung, Mineralölrückstände in Olivenöl könne die Gesundheit beeinträchtigen. Ich kritisiere die deutschen Medien für ihre undifferenzierte Berichterstattung. Insbesondere auflagenstarke und meinungsbildende Blätter sollten mehr journalistische Sorgfalt walten lassen.




Es gibt keine gesetzlichen Grenzwerte für Mineralöl in Olivenölen.

Wenn ich in der Online-Ausgabe des stern von “Erschreckenderweise steckt in jedem zweiten Olivenöl Mineralöl. Und zwar in extrem hohen Dosen. Unter Mineralölkohlenwasserstoffen versteht man eine sehr große Gruppe vieler verschiedener Stoffen, von denen einige krebserregend sind. Diese Bestandteile haben in Lebensmitteln nichts zu suchen.” lese, erkenne ich, dass man beim stern der Schlagzeile und der Geschwindigkeit, diese zu publizieren, mehr Bedeutung beigemessen hat als der Wahrheit. Dabei ist die Wahrheit des Journalisten wichtigstes Gut. So schreibt der Presserat in Deutschland unter Ziffer 1 "Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse." und unter Ziffer 2 "Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt." Ich stelle fest, dass der Etikettenschwindel der Medien demjenigen einiger Olivenölprotagonisten in nichts nachsteht. Sie verstehen, dass das nun mal wirklich kein gutes Zeugnis ist. Mit Mineralöl kontaminiertes Olivenöl macht kaum krank. Kaum mehr als es ein auf dem Holzkohlegrill grilliertes Rindersteak. Und wohl auch kaum mehr als ein halbroher Brokkoli. MOSH, die eine chemische Mineralölverbindung, konnte man zwar in menschlichen Organen nachweisen, über tatsächlich krankmachende Wirkungen von MOSH beim Menschen ist bislang allerdings nichts bekannt. MOSH hatte lediglich in Tierversuchen zu unerwünschten Wirkungen (Entzündungen) geführt. Das deutsche BfR (Bundesamt für Risikobewertung) schreibt dazu allerdings, dass die Relevanz dieses Befundes für den Menschen noch nicht geklärt ist. Zu MOAH, jener chemischen Verbindung, die als potenziell krebserregend eingestuft wird, führt das BfR aus, eine gesundheitliche Bewertung sei aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht möglich. Soweit so gut. Dass Mineralölrückstände in Olivenöl wohl unbedenklich sind, wird durch die Tatsachen gestützt, dass gesetzlich festgelegte Grenzwerte für MOSH und MOAH in Olivenölen in der EU, dem grössten Erzeuger von Olivenöl, bis heute nicht existieren. Auch für die weiteren Lebensmittel gibt es keine gesetzlichen Höchstwerte.

Lediglich in der Schweiz gibt es eine gesetzliche Regelung hinsichtlich der MOSH- und MOAH-Kontamination von Lebensmittel über Verpackungsmaterialien. So ist in der Schweiz der direkte Kontakt von Recyclingkarton mit langhaltbaren Lebensmitteln per Gesetz verboten (SR 817.023.21, Art. 21, Abs. 2). Die Karton-Primär-Verpackungen müssen also entweder aus Frischfaserkarton hergestellt sein oder eine funktionelle Barriere aus Kunststoff oder Aluminium enthalten. Ausserdem darf die Druckfarbe Stoffe nur in einer Menge ans Lebensmittel abgeben, die gesundheitlich unbedenklichen ist und das Lebensmittel organoleptisch nicht beeinflusst (SR 817.023.21, Art. 26i, Abs. 1). Deutschland oder auch die EU kennen bislang keine diesbezüglichen Regelungen. Zum Schluss bleibt zu sagen, dass die gesundheitlichen Vorteile von Olivenöl dessen womöglichen Nachteile bei Weitem übertreffen dürften. Unzählige wissenschaftliche Studien belegen dies zumindest. So sagt selbst die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA, die Polyphenole von Olivenöl können die Lipoproteine vor oxidativem Stress schützen. Hier ist vielleicht der Hinweis sinnvoll, dass grün riechende und schmeckende Olivenöle - gewonnen aus grünen Oliven - umso reicher an gesundheitlich wertvollen Polyphenolen sind. Die Medien, allen voran ÖKO-TEST, haben es geschafft, Aufmerksamkeit auf Kosten des Olivenöls zu generieren. Ganz ungelegen kommen ihnen Mineralölrückstände im Olivenöl deshalb nicht. Im Gegenteil: Für die Medien sind diese ein gefundenes Fressen.

Das Schadstoffproblem wird zum Skandal hochgeschaukelt. Ob Sie dem Olivenöl in Zukunft den Rücken kehren möchten, steht Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, wahrlich frei. Ich denke allerdings, dass es genügend kulinarische und gesundheitliche Gründe für Olivenöl gibt. Quellen: Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL); ÖKO-TEST, stern, Merum, SQTS

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