ZDF deckt auf: 7 von 8 Olivenölpanels erkennen fehlerhaftes Olivenöl nicht


Silvan Brun beim Mischen von Olivenölen in der Schrannenhalle in München (Bild: Screenshot ZDF Mediathek, Kamera: Jens Staeder)

Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) hat im Rahmen einer 45-minütigen Doku über Lebensmittelfälschung, die am 21. Juni 2019 um 20:15 Uhr auf ZDFinfo zu sehen war und noch bis zum 20.06.2020 in der ZDF-Mediathek verfügbar ist, auch über das Sorgenkind Olivenöl berichtet, bei welchem man seit jeher davon ausgeht, dass dieses zu den am häufigsten gefälschten Lebensmitteln der Welt gehört.


Panel-Entscheide und ihre weitreichenden Konsequenzen

2016 hatte die italienische Antibetrugsbehörde gegenüber Lidl Italia wegen Inverkehrbringens eines minderwertigen Olivenöles, deklariert als Extra Vergine, eine Busse von 550'000 Euro ausgesprochen, die dann später, auf Lidls Rekurs hin beim Verwaltungsgericht Lazio, allerdings aufgehoben wurde. Zwar bestätigte auch das Römer Gericht, dass Lidl minderwertiges Olivenöl als Extra Vergine verkauft hatte, jedoch sei Lidl Italia vom Vorsatz der Konsumententäuschung freizusprechen, da das Unternehmen die Sorgfaltspflicht insofern erfüllt habe, indem es das fragliche Olivenöl zur sensorischen Beurteilung an das Olivenölpanel von eurofins Hamburg gesendet hatte und dieses dort, vom professionellen Verkostungsgremium, als nativ extra bestätigt wurde.


Von Abhängigkeiten und Unzulänglichkeiten

Ein Panel leistet sich einen derart krassen Fehlentscheid? ZDF wollte wissen, wie zuverlässig die von der EU vorgegebenen Kontrollen beim Olivenöl tatsächlich funktionieren. Zu diesem Zweck hat ZDF mit meiner Hilfe (im Mandat von IOF - International Olive Foundation) eine Olivenölmischung aus ungeniessbaren und nicht für den Verzehr zugelassenen Lampantölen (24%), mit sensorisch fehlerhaften nativen Olivenölen (40%) und mit tadellosen nativen Olivenölen extra (36%) zusammengebraut und das fertige Gemisch als "natives Olivenöl extra" deklariert über Drittadressen im Ausland an verschiedene zugelassene Olivenölprüfstellen, sogenannte Olivenölpanels, in Italien und Deutschland gesendet.


Dass 7 von 8 geprüften Olivenölpanels das deutlich wahrnehmbar stinkende und schmierige Ölgemisch schwarz auf weiss als "natives Olivenöl extra" bewerteten, ist nichts anderes als die hässliche Wahrheit. Das Resultat war - gerade auch in dieser Deutlichkeit - zu erwarten und barg für mich deshalb nicht die kleinste Überraschung.


Mangels schriftlicher Beweisstücke kann ein öffentlich-rechtliches Fernsehen wie ZDF nun nicht behaupten, Olivenölpanels arbeiteten generell mit ungenügender Qualität oder seien gar abhängig von ihren Auftraggebern aus Industrie und Handel. Deshalb wirft der ZDF-Olivenölpanel-Test für mich - und womöglich auch für viele andere - die Frage auf: Wie gut und wie unabhängig bewerten Olivenölpanels in Italien und in Deutschland (und auch ganz allgemein) Olivenöle überhaupt?


Offenbar, und das ist meine persönliche Sicht und Einschätzung der Dinge, sind Olivenölpanels, so wie sie heute existieren, nicht in der Lage, die Konsumenten von Olivenöl genügend vor betrügerischen und Aktivitäten des Handels und der Industrie zu schützen. Vielleicht weil sie's nicht können, oder aber weil sie's nicht wollen. Der Fall Lidl Italia ist nur ein Beispiel. Weitere könnten aufgezählt werden.


Der Olivenölkauf im Supermarkt oder beim Discounter birgt in nicht wenigen Fällen ein Risiko (es gibt zwar löbliche Ausnahmen), getäuscht zu werden; Ware zu kaufen, die man eigentlich gar nicht haben will; den Salat mit einem Olivenöl zu beträufeln, welches diesen beinahe zum ungeniessbaren aber obligatorischen Grünzeug werden lässt. Dass Olivenöl eines der am meisten gefälschten Lebensmittel der Gegenwart ist, hat nicht nur mit skrupellosen Ölmischern, mit schlechten Ernten, fauligen Oliven und unsauber arbeiteten Ölmühlen zu tun; nein, das Ding ist viel komplizierter, besteht aus zahlreichen undurchsichtigen Abhängigkeiten und Vernetzungen aus  Politik und Wirtschaft. Um dagegen ankämpfen zu können, braucht es ein neues breites Bewusstsein der Konsumenten. Es braucht Konsumenten, die Qualität fordern und fördern und darüber hinaus auch wissen, wie man Qualität beurteilt; die verstehen, was eine Flasche gutes Olivenöl kostet. 


Und diesbezüglich gibt es "fei no a bisserl zdoa": Denn wie ein zweiter ZDF-Olivenölkonsumenten-Test zeigt, welcher in der Münchner Schrannenhalle zu Gast bei Eataly durchgeführt wurde, und zu welchem ich im Auftrag von ZDF ebenfalls Olivenöl gepanscht hatte - dieses Mal 70 % Lampantöl und 30 % Extra Vergine Olivenöl -, sind auch diejenigen Konsumenten, die bereit sind, für Olivenöl etwas mehr Geld auszugeben, nicht in der Lage, gefälschtes Olivenöl zu erkennen. Lediglich einer von fünfzehn zum Test gebetenen Passanten hatte einen Riecher für gutes Öl und fand von den vier zur Verkostung gereichten Proben das Premium-Öl in Karaffe Nummer 2 das beste. Viele andere Tester haben sich hingegen mit fester Überzeugung für das gepanschte Öl in Karaffe Nummer 3 ausgesprochen - es sei dies das bekömmlichste. Leichtes Spiel also, den deutschsprachigen Konsumenten billiges minderwertiges Olivenöl als Extra Vergine unterjubeln zu können. Unseriös arbeitende Olivenölpanels haben hier entscheidenden Anteil.


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Ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen.


Ihr

Silvan Brun

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