Ohne fleissige Bulgaren keine italienischen Oliven? Gedanken an die NZZ

Aktualisiert: 28. Okt 2018


Schweizer Hände pflücken toskanische Oliven für ein toskanisches Öl.

Lieber Dominik Feldges, Sie machten eine interessante Beobachtung, was die Olivenernte auf dem von Ihnen beschriebenen Olivengut in der Toskana betrifft. Tatsächlich beschäftigen viele italienische Betriebe oder Bauernhöfe, wie Sie sie nennen, vor allem während der Olivenernte ausländische Akkordernter, welche die Oliven in Rekordzeit von den Bäumen holen. Geschwindigkeit ist bei der Olivenernte und der anschliessenden Extraktion von entscheidender Bedeutung für die Qualität des Öls. Natürlich, so behaupte ich, könnten toskanische Ernter ebenso schnell pflücken, rütteln, verlesen und einsammeln, wie es die ausländischen Hilfskräfte tun, nur ist diese schweisstreibende Aufgabe bei den jungen Toskanern erstens wenig begehrt und zweitens würde deren Anstellung den Betrieb viel mehr kosten. Es geht also nicht nur um eine schnelle, sondern eben auch um eine möglichst kostengünstige Ernte.


Kein Wunder, welcher Schweizer Grossverteiler ist schon bereit, für einen halben Liter toskanisches Olivenöl im Einkauf ab Hof 12 Euro oder mehr zu bezahlen? Im günstigsten Fall würde eine einzige Halbliterflasche im Einstand rund CHF 14.74 kosten. Bei einer üblichen Marge von 40 %, plus den ebenfalls üblichen Listinggebühren würde sich - geschätzt - ein Verkaufspreis von CHF 26.20, inkl. 2.5 % MwSt. ergeben. Wer, mein lieber Herr Feldges, bezahlt das?


Ich bin mir sicher, dass es ausser mir nicht viele Konsumenten gibt, die für (gutes) Olivenöl so tief in die Taschen greifen würden. Warum auch? Bei den zwei grössten Vollsortimentern der Schweiz kosten Toscano IGP zertifizierte Olivenöle knapp 14, resp. knapp 16 Franken pro Halbliter. Und sie gelten im Vergleich mit der hoch rotierenden Ware bereits als eher teurer. So kann man ein von der Aufmachung her toskanisch anmutendes Olivenöl bei einem der beiden Grossverteiler bereits für knapp 14 Franken pro Liter haben. Das sind eindrückliche 73 % Preiseinsparung im Vergleich zum echten toskanischen Öl, für welches toskanische Oliven von toskanischen Pflückern gewonnen wurden.


Weil sich im Hinblick auf die Qualitätsbezeichnung beide Produkte als Extra Vergine zu erkennen geben, sehe ich für den gewöhnlichen Konsumenten keinen Grund, warum er das so viel teurere Produkt in den Einkaufskorb legen sollte. Er kann schliesslich nicht wissen, dass man es mit dem Terminus "Extra Vergine" nicht überall so genau nimmt (siehe Kassensturz vom 03.05.2016) und er vor dem Olivenölbetrug auch in der Schweiz nicht gefeit ist - obwohl die Kantonschemiker unlängst Gegenteiliges behauptet hatten. Olivenöl gilt etwa in Deutschland als das am meisten gefälschte Lebensmittel. Warum sollte es ausgerechnet bei uns, wo Konzerne mitunter noch mehr Macht bündeln als sonstwo, anders sein?


Das von FLOS OLEI, dem bedeutendsten Olivenölführer der Gegenwart, zur besten Olivenölfarm der vergangenen Erntekampagne ausgezeichnete Gut Fonte di Foiano aus Castagneto Carducci, Bolgheri / Toskana, engagiert während der Olivenernte ebenfalls albanisches Personal. Jeder Arbeiter wird mit 40,00 Euro pro 100 kg gepflückten Oliven bezahlt, Sozialversicherungsbeiträge inklusive. Aus 100 kg Oliven können auf diesem Qualitätsniveau je nach Sorte, Reifegrad und Extraktionssetting zwischen 7 und 15 % Öl gewonnen werden. Das entspricht 7.64 bis 16.37 Litern. Früh geerntete Oliven, aus denen Grand Cru Öle entstehen sollen, geben weniger Ertrag, was sich auf den Preis auswirkt.


Fertig abgefüllt kostet die Halbliterflasche ab Hof für den Händler je nach Qualität demnach zwischen 6 und 14 Euro. Von 196.44 resp. 213.92 Euro erzieltem Umsatz (gemäss vorher errechnetem Ertrag, multipliziert mit dem entsprechenden Verkaufspreis pro Halbliter) bezahlt das Olivengut also alleine 40 Euro an den albanischen Pflücker. Hinzu kommen die Kosten für die Baumpflege (Baumschnitt im Frühjahr, allfällige Behandlungen, Bodenarbeit, Düngungen, allfällige Bewässerung etc.), den Betrieb, den Unterhalt und die Amortisierung der eigenen, teuren Ölmühle, den Betrieb, den Unterhalt und die Amortisierung von Fahrzeugen, von Erntegerätschaften usw., den Unterhalt und die Amortisierung von Edelstahltanks und der Abfüllanlage, die Filtration des Öls, bei welcher der gute Produzent Menge zugunsten der Qualität opfert, den Kauf von Flaschen, teuren (Antibetrugs-)Verschlüssen, Etiketten, Kartons und Verpackungsmaterial, Zertifizierungen, Analysen, Beglaubigungen und Bewilligungen, Werbung etc. Sie sehen, reich wird der nach FLOS OLEI aktuell beste Olivenölhersteller der Welt also keineswegs, auch wenn er von EU-Subventionen profitieren darf.


Trotz ausländischen Pflückern behaupte ich, dass sein Olivenöl 100 % toskanisch ist. Lindt Schokolade gilt schliesslich auch als Schweizerisch, obwohl vielleicht der eine oder andere Fabrikmitarbeiter keine Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt. Und die Kakaobohne nicht in der Schweiz gedeiht, diese Tatsache ist doch ganz entscheidend, nicht wahr? Was meinen Sie?


Qualität kostet. Ob von Italienern oder Albanern hergestellt. Und Qualität erfordert Beschränkung. Was scheinbar endlos verfügbar ist und kaum was kostet, kann selten gut sein. Zumindest gilt das für das Olivenöl.


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