top of page

Schadstoff-Cocktail in bekannten Marken-Olivenölen? Der saldo-Olivenöltest in der Kritik

  • 17. Apr.
  • 11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 21. Apr.


Das Konsumentenmagazin saldo, herausgegeben von der Konsumenteninfo AG, kommt anlässlich seines am 15. April 2026 publizierten Olivenöl-Tests zu einem vernichtenden Urteil: «Viele ungesunde Stoffe in Markenprodukten». Sollten Konsumenten nicht mehr zu den Olivenölen der bekannten Marken wie Bertolli, Filippo Berio und Monini greifen? evoo.expert ordnet Test und Testresultate für Sie ein.


«Schädliche Chemikalien in Olivenöl». Diesen Betreff wählte die saldo-Redaktion in ihrem Newsletter vom 15. April 2026. Auf der Titelseite des gleichentags erschienen Hefts steht: «Viele ungesunde Stoffe in Markenprodukten». Olivenöl kommt auch hierzulande nicht aus den Negativschlagzeilen. In allen 16 von saldo zur chemischen Analyse ins Labor geschickten Olivenölen liessen sich offenbar Rückstände von schädlichen Chemikalien bestimmen. Keinem einzigen Produkt konnte von den beiden untersuchenden Laboratorien Schafstofffreiheit attestiert werden.


Wenn Sie sich nun fragen, ob Sie als Konsumentin oder Konsument diese geprüften Marken-Olivenöle künftig besser meiden sollen, laden wir Sie dazu ein, unsere sachliche Einordnung des saldo-Olivenöltests zu lesen.


Die von der saldo-Redaktion gewählten Schlagzeilen lassen die Adressaten zweifelsohne aufhorchen. Das ist gewollt, führen diese je nach Interessenlage des jeweiligen Botschaftsempfängers doch zu Klicks, Heftkäufen und möglicherweise gar zu Jahresabonnementsabschlüssen. Daran ist nichts Verwerfliches.


Die von saldo in Auftrag gegebenen Untersuchungen wurden mit grösster Wahrscheinlichkeit von erfahrenen Privatlaboratorien durchgeführt. Die zutage geförderten Resultate dürften – vorausgesetzt man berücksichtigt die Messunsicherheit und mögliche Abweichungen, die zwischen Laboratorien auftreten können – valide sein.


Die Herausforderung sehen wir einzig und allein in der Interpretation der Resultate. saldo setzt die Resultate in nicht genügendem Ausmass in Beziehung zu geltenden gesetzlichen Grenzwerten – wo solche überhaupt festgelegt sind –, zu Vorkommen in anderen Nahrungsmitteln und Nahrungsmittelgruppen sowie zur gesamten Umweltsituation. Selbstverständlich bekennen auch wir uns sicheren Lebensmitteln, die frei von Verunreinigungen sind.


In diesem Zusammenhang stellt sich aber die wichtige Frage, was Verunreinigungen sind, wie wir solche definieren, wie sie gemessen oder bestimmt werden und welche davon für uns potenzielle Gesundheitsrisiken bergen.



Was sind schädliche Chemikalien?

Das Konsumentenmagazin saldo schreibt von "schädlichen Chemikalien", die in allen der 16 getesteten Olivenöle auszumachen waren und dort nicht hineingehören sollten. Das klingt erstmal haarsträubend. "Schädliche Chemikalien" im Olivenöl? Für manch eiligen Leser, der nur Überschriften oder Fettgedrucktes liest, könnte die Konsequenz sein, künftig auf den Konsum von Olivenöl zu verzichten.


Wir müssen zunächst allerdings definieren, was Chemikalien sind und dann erläutern, wann Chemikalien schädlich sind. Der Terminus "Chemikalien" wird allzu oft rhetorisch aufgeladen. Insbesondere im Zusammenhang mit Rückstandsanalysen bei Lebensmitteln.


Streng genommen ist jede Substanz chemisch. Wasser (H₂O), Kochsalz (NaCl), Glucose, Proteine, Biophenole im Olivenöl, Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln – alles sind chemische Verbindungen.


Wenn Medien wie saldo von "Chemikalien" sprechen, meinen sie aber meist implizit synthetisch hergestellte Stoffe oder Rückstände aus landwirtschaftlichen oder industriellen Prozessen wie zum Beispiel Pestizide, Weichmacher oder Mineralölkohlenwasserstoffe. Streng genommen ist das bereits eine sprachliche Verkürzung.


Die Schädlichkeit, die im Zusammenhang mit Chemikalien häufig erwähnt wird, bezieht sich auf die gesundheitlichen Auswirkungen auf den menschlichen Organismus.


Die pauschale Behauptung, ein synthetischer Stoff sei schädlich, kann nicht einfach so bestätigt werden. Es braucht stets Kontext. Gleichfalls ist es aber ebenso unmöglich, zu behaupten, derselbe synthetische Stoff sei gesundheitlich unbedenklich – auch hier braucht es Kontextualisierung. Dasselbe gilt übrigens auch für natürliche Chemikalien.


Denn, auch Quellwasser kann schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Etwa dann, wenn zu viel davon getrunken wird.


Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV warnte zudem jüngst vor den möglichen gesundheitlichen Negativfolgen des Morchelkonsums. Auf der vom BLV verlinkten Seite tox info suisse steht dazu: «Neurologische Symptome wie Schwindel, Seh- und Gangstörungen treten fast ausschliesslich nach dem Genuss frischer Morcheln auf. Der auslösende Stoff ist bis jetzt unbekannt. Die Symptome sind zwar unangenehm, klingen aber in der Regel innerhalb von 24 Stunden von selbst wieder ab.»





Weiter schreibt tox info suisse: «Rohe oder unzureichend gegarte Morcheln – egal ob frisch, getrocknet oder tiefgekühlt – können zu teilweise heftigen Magen-Darm-Beschwerden führen. In Einzelfällen gab es sogar lebensbedrohliche Komplikationen.»


Tatsächlich hat sich der Morchelkonsum auch schon als ursächlich für Todesfälle gezeigt, wie die Regionalzeitungen von CH Media am 21. April 2026 berichteten. In Valencia sind nach dem Konsum von Morcheln ebenso wie in den USA bereits Menschen einer Vergiftung durch Morcheln erlegen. Auch in der Schweiz ist es wegen Morcheln schon zu schweren Vergiftungsverläufen gekommen. Mit einer Datenbank-Suche konnten tox info suisse kürzlich auch in der Schweiz für die letzten zehn Jahre "neun schwere Fälle mit fulminantem Verlauf" dokumentieren, wie CH Media schreibt.


Morcheln können, wenn sie falsch zubereitet werden oder wenn zu viel davon verzehrt wird, eine schädliche Wirkung auf unseren Organismus haben. Und das unmittelbar.


Auch andere Lebensmittel können auch in geringen Mengen konsumiert unmittelbar toxisch sein. Denken Sie etwa an Muskatnuss.





Weichmacher: Keine Einordnung der toxikologischen Daten

Im Zusammenhang mit Weichmachern – insbesondere Phthalaten – ist zunächst festzuhalten, dass weder in der Europäischen Union noch in der Schweiz spezifische Höchstgehalte für diese Stoffe im Lebensmittel selbst festgelegt sind. Dies gilt auch für Olivenöl. Der blosse Nachweis eines Weichmachers im Endprodukt erlaubt daher für sich genommen noch keine Aussage darüber, ob ein gesetzlicher Grenzwert überschritten wurde oder ob ein Produkt rechtlich zu beanstanden ist.


Die behördliche Regulierung zielt nicht auf das Lebensmittel selbst ab, sondern auf die Materialien, mit denen das Lebensmittel in Berührung kommt. Massgebend sind in diesem Zusammenhang die Vorschriften – in der Schweiz die Verordnung 817.023.21 – zu sogenannten Lebensmittelkontaktmaterialien. Sie legen fest, wie viel von einer Substanz aus Kunststoffen, Dichtungen, Schläuchen oder Beschichtungen überhaupt in ein Lebensmittel übergehen darf. Unterschieden wird zwischen einem Gesamtwert für alle übergehenden Stoffe und einzelnen Grenzwerten für bestimmte Substanzen, etwa ausgewählte Phthalate.


Phthalate sind Weichmacher, die Kunststoffe wie PVC erst flexibel machen. Sie wurden in der Industrie über Jahrzehnte in grossen Mengen eingesetzt – etwa in Schläuchen, Beschichtungen oder Kabeln. Nachdem sie aufgrund von Tierstudien eine andere gesundheitliche Einschätzung erfuhren, wurden sie zunehmend durch andere Stoffe ersetzt, von denen man heute annimmt, dass sie für den Menschen weniger risikobehaftet sind.


Im Zusammenhang mit der Olivenölproduktion ist das deshalb nicht irrelevant, weil solche Weichmacher entlang der gesamten Prozesskette vorkommen können. Beispielsweise in Förderbändern für Oliven, in Schläuchen und Dichtungen. Weil ein Grossteil der klassischen Weichmacher fettlöslich ist, sind Übersiedlungen theoretisch vor allem dort möglich, wo Olivensaft oder Olivenöl mit den Phthalaten in Kontakt kommt.


In den meisten Ölmühlen wurden kostengünstig zu ersetzende Arbeitsgeräte wie Schläuche oder Dichtungen oft längst ausgetauscht, während insbesondere teure Gerätschaften wie Förderbänder die Oliven nicht ohne massive finanzielle Aufwendungen erneuert werden können. Diese Tatsache gereicht zum Nachteil jener Betriebe, die nicht frisch geerntete, sondern seit Tagen oder Wochen zwischengelagerte Oliven zu Öl verarbeiten und zu diesem Zweck über ihre Förderbänder laufen lassen.


Diese fermentierten und oxidierten Oliven sind häufig ölig-schmierig und können deshalb lipophile Phthalate aus alten Förderbändern aufnehmen. Für die Qualitätsölerzeuger ist die Gefahr weitaus kleiner, da sie die geernteten Früchte innerhalb von wenigen Stunden zu Öl verarbeiten.


Und trotzdem: Die im Auftrag der Konsumentenzeitschrift saldo ermittelten Werte für Weichmacher in den getesteten Supermarktolivenölen sind sehr niedrig. Sie reichen von 0.08 bis 0.94 Milligramm pro Kilogramm Olivenöl.


Zum Vergleich: Die Daten aus den Tierexperimenten, die zur gesundheitlichen Bewertung der entsprechenden Phthalate führte, zeigen, dass die Forschenden den trächtigen Ratten (oder Mäusen) mehrere hundert Milligramm Phthalate pro Kilogramm Körpergewicht oral über Futter oder per Sonde zugeführt haben. Das entspricht keiner Exposition, wie sie in der Umwelt erfahren werden könnte.


Ausserdem ist zu berücksichtigen, dass es viele Studien gibt, die Weichmacher in sehr unterschiedlichen Lebensmitteln nachweisen. Eine aktuelle systematische Übersicht (Moraes da Costa et al., Comprehensive Review in Food Science and Food Safety, 29.03.2023) fasst Messungen von Phthalaten (DEHP, DBP, BBP, DINP, DIDP usw.) in praktisch allen wichtigen Lebensmittelgruppen zusammen. Darunter in Obst und Gemüse, Milch und Milchprodukten, Getreide, Backwaren und Frühstückscerealien, Fleisch und Wurstwaren, Fisch und Meeresfrüchten, Fetten und Ölen, Snacks und Saucen sowie in Babynahrung. DEHP war dabei der am häufigsten gefundene Weichmacher. In einigen Proben lagen die Konzentrationen sogar über den spezifischen Migrationsgrenzwerten, etwa in Milchprodukten, Ölen und Fetten, Fisch, Cerealien, Fleisch sowie Obst und Gemüse.


Die Funde im saldo-Test bewegen sich damit im Rahmen eines generellen, breit verteilten Phänomens der modernen Lebensmittelkette. Damit wollen wir die Resultate nicht schönreden aber in Kontext stellen.



Pestizide: Spuren und Messunsicherheiten

Mit einer Ausnahme konnten die beauftragten Laboratorien bei keinem Bio-Olivenöl Pestizidrückstände "nachweisen". Das ist eine gute Nachricht. Für ein Bio-Olivenöl konnten minimale Rückstände von 0.02 Milligramm pro Kilogramm Produkt ermittelt werden. Bei der Pestizidanalytik im Spurenbereich (über GC‑MS/LC‑MS) liegt die kombinierte Messunsicherheit typischerweise irgendwo im Bereich von ±20–50 % am unteren Quantifizierungsrand. Ein gemessener Wert von 0.02 mg/kg könnte real also durchaus zwischen 0.01 und 0.03 mg/kg liegen – oder bei einer erneuten Messung auch unter die Nachweis- bzw. Quantifizierungsgrenze fallen.


Im Fall des fraglichen Bio-Öls muss man ausserdem anerkennen, dass dieses Resultat nichts darüber aussagt, ob die Olivenbauern synthetische Pestizide eingesetzt haben oder ob der Eintrag aus Abdrift von benachbarten nicht-biologisch bewirtschafteten Olivenhainen stammt. Oder ob der vormals konventionell bearbeitete Boden selbst Jahre nach der Umstellung zu Bio noch Rückstände freigibt. Auch die Behörden gehen explizit davon aus, dass es unvermeidbare Hintergrundkontaminationen geben kann, ohne dass der Betrieb betrogen hat.


Andererseits ist zu berücksichtigen, dass "nicht nachweisbar" in diesem Zusammenhang bedeutet, dass das Resultat unterhalb dessen liegt, was das entsprechende Labor mit der gewählten Methode sehen kann. Ein anderes Labor könnte bei derselben Probe ebenfalls "nicht nachweisbar" ausgeben oder aber einen niedrigen Wert berichten.


Ebenfalls darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch im Bio-Landbau eingesetzte Pestizide – je nach Art – Pflanzen, Pilze oder Tiere töten. Denn, zu diesem Zweck wurden diese Mittel geschaffen.




Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)

Fünf Olivenöle im Test enthielten nach Auffassung des Labors Chrysen, einen polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoff. saldo schreibt, Chrysen könne laut der Europäischen Chemikaliendatenbank «Krebs erzeugen und vermutlich genetische Defekte verursachen».


Diese Aussage muss aber zwingend in Beziehung zu den Studiendaten gesetzt werden.

In mehreren älteren Studien wurde Chrysen Mäusen zum Beispiel auf die Haut aufgetragen oder in Lösung gespritzt. Darauf traten Hauttumore oder Lebertumore auf – teils in Initiations‑/Promotionsmodellen. Bei letzteren Modellen wird im ersten Schritt eine Veränderung im Gewebe ausgelöst (Initiation) und im zweiten Schritt dessen Wachstum gezielt gefördert (Promotion).


Die in den Tierstudien verabreichten Dosen liegen im Milligramm‑Bereich pro Kilogramm Körpergewicht der Versuchstiere und somit weit über typischen Ernährungsaufnahmen.


Auf dieser Basis ausdrücklich nur gestützt auf Tierdaten und biochemische Befunde – stufen Behörden wie EPA Chrysen als "possible human carcinogen" ein. Hautauftragung, Injektion oder sehr hohe orale Dosen haben mit den winzigen "Spuren" in Lebensmitteln wenig zu tun.



MOSH & MOAH: Heiss diskutiert, aber weshalb?

Auch bei den gesättigten und aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen (MOSH resp. MOAH) ist zunächst festzuhalten, dass diese Stoffe keine spezifisch für Olivenöl typischen Kontaminanten darstellen, sondern in der gesamten Umwelt und entlang der Lebensmittelkette vorkommen können. Die als Eintragsquellen infrage kommenden Möglichkeiten sind äusserst vielfältig: Abgase von Verbrennungsmotoren, Schmieröle in Maschinen, Verpackungsmaterialien, Transport oder auch Umwelteinflüsse. Nicht zuletzt kommen etwa MOSH auch in Pflanzenschutzmitteln vor, die selbst im biologischen Anbau zugelassen sind.


Weshalb schätzt man MOSH und MOAH andererseits aber so kritisch ein? Sie ahnen es: Tierstudien!


Die gesamte Diskussion zu MOSH und MOAH in Lebensmitteln stützt sich im Kern auf zwei EFSA‑Gutachten (2012 und Update 2023) und einige dazugehörige Tierstudien.


In Fütterungsversuchen erhielten Fischer-F344-Ratten über längere Zeit bestimmte Mineralölfraktionen in vergleichsweise hohen Dosen. Dabei zeigte sich, dass sich diese Stoffe im Körper anreichern, vor allem in Leber, Milz und Lymphknoten. In der Leber wurden zudem kleine Ablagerungen (Lipogranulome), Entzündungszeichen und für das Organ ingesomt ein erhöhtes Gewicht beobachtet.


Auf Grundlage solcher Studien hat die EFSA einen Referenzwert abgeleitet – eine Dosis, bei der in diesen Versuchen noch keine schädlichen Effekte festgestellt wurden. Dieser liegt bei 19 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, bezogen auf jene Mineralölfraktion, die im Versuch die stärksten Effekte zeigte.


Diesen Wert stellt man der geschätzten Aufnahme beim Menschen gegenüber. Der Abstand zwischen den beiden Werten – der sogenannte Sicherheitsabstand – war in der damaligen Bewertung teilweise nicht besonders gross. Deshalb kam die EFSA 2012 zur Einschätzung, dass ein mögliches Risiko nicht ausgeschlossen werden kann.


Neuere Analysen zeigen jedoch, dass die granulomatösen Leberveränderungen fast nur in F344‑Ratten auftreten, nicht aber in anderen Rattenstämmen oder Hunden. Daher werden sie heute als stammspezifisches Artefakt gewertet.


In einer Studie mit einem nahezu wachsfrei gereinigten Mineralölprodukt konnten selbst bei der höchsten geprüften Dosis von 236 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag keine entsprechenden Leberveränderungen festgestellt werden. Dieser Wert wurde als neuer Referenzpunkt herangezogen und liegt um Grössenordnungen über den Aufnahmemengen, die Konsumenten realistisch über Lebensmittel – im vorliegenden Fall über Olivenöl – erreichen.


MOSH sind zwar auch in menschlichen Geweben (Lymphknoten, Leber, Milz, Fettgewebe) messbar, die beobachteten Lipogranulome wurden bisher aber nicht mit klinischen Erkrankungen in Verbindung gebracht.


Zu MOAH hingegen gibt es tatsächlich etwas mehr toxikologische Daten, aber auch hier ist die Grundlage deutlich weniger robust, als der öffentliche Diskurs suggeriert.


Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA und andere Gremien unterscheiden vor allem zwischen hochalkylierten 1–2‑Ring‑Aromaten und 3‑ bis 7‑Ring‑Systemen, die strukturell klassischen PAK ähneln. Nur letztere gelten überhaupt als potenziell genotoxisch und kanzerogen.

Diese Differenzierung geht in fast sämtlichen populären Darstellungen völlig unter.


Die harten Karzinogenitätsdaten stammen überwiegend aus älteren Tierversuchen mit stark aromatenreichen Petroleumfraktionen (nicht oder nur wenig raffiniert). In Haut‑Malignommodellen und bei hohen oralen Dosen zeigten diese Extrakte Tumorbildung und typische PAK‑Effekte. Diese Tatsache ist mit ein Grund dafür, weshalb schwach gereinigte Mineralöle von der Weltgesundheitsorganisation als karzinogen eingestuft wurden. Allerdings enthalten diese Produkte einen deutlich höheren Anteil an nicht oder wenig alkylierter 3‑ bis 7‑Ring‑MOAH als moderne, stark raffiniert eingesetzte Weissöle.


Demgegenüber stehen zahlreiche Langzeit‑Fütterungs‑ und Haut‑Studien mit hochraffinierten technischen Ölen, bei denen der MOAH‑Anteil stark reduziert wurde. Für solche Weissöle berichten die Dossiers keine erhöhte Tumorinzidenz bei Ratten und Mäusen. Auch eine kanadische Auswertung lebenslanger Fütterungs‑ und Hautstudien mit Petrolatum und Wachsen kommt zum Ergebnis, dass vollständig raffinierte technische Produkte in diesen Modellen nicht karzinogen sind.


Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA hat 2012 in ihrem Grundsatzgutachten zu Mineralölkohlenwasserstoffen formuliert, dass MOAH mit drei oder mehr aromatischen Ringen "mutagen und kanzerogen sein können" und deshalb als "potenziell besorgniserregend" eingestuft. Gleichzeitig hat die Behörde aber ausdrücklich festgehalten, dass die Datenlage keine quantitative Ableitung eines gesundheitsbasierten Grenzwerts erlaubt. Das 2023 aktualisierte Gutachten wiederholt im Wesentlichen diese Einschätzung.


Eine umfangreiche unabhängige Übersicht aus den Niederlanden (RIVM) kommt zu einem ähnlichen Schluss: MOAH werden aufgrund des möglichen genotoxen Potenzials vorsorglich kritisch gesehen, es existiert aber bis heute keine gesundheitsbasierte Norm, weil die vorhandenen Tier- und In‑vitro‑Daten dafür nicht ausreichen.


Trotz dieser unscharfen toxikologischen Datenlage gibt es in der Praxis seit einigen Jahren einen intensiven Streit um MOSH- (und MOAH‑) Grenzwerte. Für pflanzliche Öle und Fette nennt der deutsche Lebensmittelverband als "Orientierungswert" 13 Milligramm MOSH pro Kilogramm Produkt. In Entwürfen der EU‑Kommission wurden für Olivenöl und natives Olivenöl extra hingegen 15 Milligramm MOSH und 2 Milligramm MOAH diskutiert, während für Oliventresteröle grosszügigere Werte gelten sollen – zunächst 10 Milligramm pro Kilogramm Produkt für MOAH –, die bis 2030 weiter abgesenkt werden sollen. Grosse Marktakteure arbeiten intern unterdessen lieber mit ganz eigenen Spezifikationen, die beispielsweise 20 Milligramm MOSH pro Kilogramm Öl als Grenze zum Ziel haben. Der Einzelhandel – beispielsweise die grösste Deutsche Kette EDEKA – hingegen verlangt in Ausschreibungen teilweise heute schon MOSH-Werte von maximal 2 Milligramm pro Kilogramm Olivenöl.


Sie sehen, dass diese Zahlen je nach Produktkategorie, Verband, Abnehmer oder Anbieter und Entwurfsstand deutlich variieren. Wären die Grenzwerte streng toxikologisch und aus nachvollziehbarem Verkehrsszenario hergeleitet, wäre kaum erklärbar, warum einmal 2, dann 13, 15 oder 20 Milligramm pro Kilogramm Öl als akzeptabel gelten sollen.


Tatsächlich entstehen diese Schwellen rückwärts: Man orientiert sich daran, was analytisch zuverlässig messbar ist, welche Werte typisch in Marktproben auftreten und welcher Zielwert technisch mit vertretbarem Aufwand erreichbar erscheint. Die Zahlen spiegeln damit in erster Linie Risikomanagement und politische Aushandlungsprozesse wider, keineswegs aber eine scharf konturierte toxikologische Erkenntnis darüber, ab welchem MOSH‑ oder MOAH‑Gehalt Olivenöl tatsächlich gesundheitlich problematisch wäre.


Während MOAH in Olivenöl heute gut zu vermeiden ist, gestaltet es sich bei MOSH deutlich schwieriger. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Messunterschiede von Labor zu Labor teilweise erheblich sind, was die Interpretation von Resultaten delikat macht. Diesem Umstand trägt die saldo-Redaktion leider keine Rechnung.


Ebenfalls setzt saldo die Resultate nicht in Beziehung zu den MOSH- resp. MOAH-Vorkommen in anderen Lebensmitteln wie Pasta oder Reis. Die chinesische Übersichtsarbeit zur schnellen MOAH‑Analytik in Getreiden (Rapid screening of mineral oil aromatic hydrocarbons (MOAH) in grains by fluorescence spectroscopy, Food Chemistry, Volume 294, 1. Oktober 2019, Seiten 458-467) fasst europäische Messprogramme so zusammen: Reis wies MOSH‑Gehalte zwischen 1.8 und 160 mg/kg und MOAH‑Gehalte zwischen 0.3 und 16 mg/kg auf.



Sollen die Olivenöle von Bertolli, Filippo Berio, Monini, Sabo und Co. künftig gemieden werden?

Die Gefahr für Leib und Leben, die von einem Packsalat, einem mit Sonnenblumenöl scharf angebratenen Steak im Wirtshaus oder einem Morchel-Risotto ausgehen kann, ist wohl höher, als wenn man sich gelegentlich einen Schluck eines dieser Markenöle gönnt. Das heisst nicht, dass evoo.expert diese Olivenöle zum Kauf empfiehlt, denn unsere Meinung zur Rückverfolgbarkeit und zur sensorischen Qualität mancher im Supermarkt oder Discounter erhältlichen Marken- oder Eigenmarkenöle ist der Leserschaft von evoo.expert bestens bekannt; jedoch müssen die von saldo erwirkten Testresultate, das finden zumindest wir, richtig eingeordnet werden.

bottom of page