top of page

Drei Viertel des spanischen Olivenanbaus sind unrentabel. Von Demut bei Investmentgesellschaften und Nahrungsmittelindustrie keine Spur.

  • 28. Juli
  • 9 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Juli

Geben die andalusischen Landwirte diese Olivenhaine aus finanziellen Gründen auf, droht der grössten Region Spaniens die wortwörtliche Verwüstung. (Bild: AdobeStock, Taiga)
Geben die andalusischen Landwirte diese Olivenhaine aus finanziellen Gründen auf, droht der grössten Region Spaniens die wortwörtliche Verwüstung. (Bild: AdobeStock, Taiga)


Die spanischen Verband der Olivenanbau-Gemeinden AEMO im Juli 2026 vorgelegten Daten zu den Olivenölproduktionskosten offenbaren ein desaströses Marktversagen. Während die Produktionskosten in den vergangenen Jahren geradezu explodierten (+57 % in sechs Jahren), wird Mainstream-Olivenöl aktuell wieder zu Ramschpreisen verhökert. Damit steht der traditionelle Olivenanbau vor dem Kollaps – getrieben von der schamlosen Gier und der scheinbar grenzenlosen Dummheit der Nahrungsmittelindustrie und der Finanzinvestoren.



Die Illusion des billigen Olivenöls ist zurück. Vor etwa einem Jahr berichteten wir über den drastischen Verfall der Olivenölpreise nach der historischen Hausse. Damals lag der reale Kilopreis für spanisches Bulk-Öl auf einem inflationsbereinigten Tiefstand. Was nicht nur Einkaufsgesellschaften und Retailer, sondern auch Branchenschwergewichte wie Deoleo SA, die bekannte Markenöle wie Bertolli, Carapelli oder Carbonell abfüllt, als "Rückkehr zur Normalität" feierten, erweist sich heute, im Sommer 2026, als Modell mit höchst negativen sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen.


Der Spanische Verband der Olivenanbau-Gemeinden AEMO hat im Juli 2026 seine aktualisierte grosse Produktionskostenstudie vorgelegt. Die Ergebnisse sind aufrüttelnd: Während der Marktpreis für spanisches Olivenöl (nicht raffiniert) aktuell bei durchschnittlich 3,26 €/kg liegt, produzieren drei Viertel aller spanischen Olivenhaine tief unter ihren tatsächlichen Herstellungskosten.


Drei Viertel! Es ist dies das Resultat schamloser Gier und scheinbar grenzenloser Dummheit von Nahrungsmittelindustrie und Investmentgesellschaften, die geglaubt haben, man könne ein jahrtausendealtes Kulturgut wie eine Spielzeugfabrik skalieren. Unter ihrer wortwörtlich fatalen Misswirtschaft leiden einmal mehr die Kleinbauern, die das zusehends bröckelnde Rückgrat des spanischen Olivenanbaus bilden.


Die Kosten-Explosion: 57 % Steigerung in sechs Jahren

Um zu verstehen, warum ein Marktpreis von gut 3 Euro heute den sicheren Ruin bedeutet, muss man sich den Kosten, mit denen die Bauern heute konfrontiert sind, bewusst werden. Laut AEMO sind die Produktionskosten im spanischen Olivensektor von 2020 bis 2026 um unglaubliche 57 % gestiegen:  

  • Allein zwischen 2020 und 2023 kletterten die Kosten um rund 40 %.  

  • Von 2023 bis 2026 legten sie um weitere 12 % zu. 


Treiber dieser Inflation sind drastisch gestiegene Agrarlöhne (ein Erntehelfer schlägt heute mit mindestens 9.85 €/Std. zu Buche, ein Traktorfahrer mit 10.46 €/Std., auf beide Tarife werden Sozialabgaben aufgerechnet), extreme Preissprünge bei Agrardiesel, Maschineneinkauf, Strom für Bewässerungspumpen und Düngemitteln.

 

AEMO bringt es in ihrer Schlussfolgerung auf den Punkt: Was 2010 ein auskömmlicher Erzeugerpreis von 3.00 €/kg war, müsste 2026 bei mindestens 5.00 €/kg liegen, damit die Betriebe überhaupt ihre Existenz sichern können.


So bleibt es aber bei einer ökonomischen Unmöglichkeit: Während die Erzeugerkosten von 2020 bis 2026 um 57 % gestiegen sind, wird spanisches Massenöl heute real billiger verhökert als vor 25 Jahren – als die jetzigen 3.26 €/kg einer Kaufkraft von spöttischen 2.25 € entsprachen. Somit verlieren die Bauern im Vergleich zur im letzten Jahr genannten Zahl von 2.51 €/kg nochmals 26 Cents.



7 Anbausysteme – nur drei davon sind kostendeckend

Der spanische Olivenanbau ist extrem heterogen. AEMO unterteilt die spanische Produktionsfläche von 2.54 Millionen Hektar in sieben Anbausysteme und berechnet die entsprechenden echten Vollkosten, die u.a. Direktbetriebskosten, Pachtwert sowie die Abschreibung der Haine über 25 Jahre beinhalten:

Anbausystem

Besonderheit

Vollkosten 2026 (pro kg Öl)

Marge bei Marktpreis (3.26 €/kg)

Superintensiv Riego (OSR)

Dichter Hecke, bewässert, 11 %

3.08 €

+ 0.18 €

Superintensiv Secano (OSS)

Dichte Hecke, Trockenanbau, 35 %

3.17 €

+ 0.09 €

Intensiv Riego (OIR)

Einzelbäume, bewässert,

3.20 €

+ 0.06 €

Intensiv Secano (OIS)

Einzelbäume, Trockenanbau

3.52 €

- 0.26 €

Traditionell Mech. Riego (OTMR)

Alte Haine, flach, bewässert

4.18 €

- 0.92 €

Traditionell Mech. Secano (OTMS)

Alte Haine, flach, Trockenanbau 

4.67 €

- 1.41 €

Traditionell Steillage (OTNM)

Berg-Olivenhaine (>20% Steigung)

5.31 €

- 2.05 €

(Quelle: AEMO Estudio de Costes del Cultivo del Olivo 2026)



Die Analyse AEMOs offenbart schonungslos:

  • dass nur, wer mit der Vollerntemaschine durch superintensive Olivenhaine fahren kann (welche gerade einmal 11 % der gesamten spanischen Anbaufläche ausmachen), bei Erntepreisen von 0,09 €/kg Oliven noch minimale Margen einfährt.  

  • dass der traditionelle Anbau draufzahlt. In den Steillagen (OTNM) kostet allein die Ernte per Hand/Schüttler 0,38 € pro Kilo Oliven – das ist vierfach so teuer wie voll mechanisierte Ernte. Ein Olivenbauer, dessen Olivenbäume im Steillagen gedeihen, legt bei jedem Kilo verkauften Öls über 2 Euro aus der eigenen Tasche drauf!


Mit "Superintensivo", also Olivenhainen, die heckenartig angelegt und bewässert sind, lässt sich aktuell ein moderater Gewinn erzielen (Bild: Adobe Stock, Revive Photo Media)
Mit "Superintensivo", also Olivenhainen, die heckenartig angelegt und bewässert sind, lässt sich aktuell ein moderater Gewinn erzielen (Bild: Adobe Stock, Revive Photo Media)



Jene Landwirte, die über die Hälfte der Anbaufläche verantworten, werden in den Ruin getrieben

Die traditionellen Haine (OTM und OTNM) stellen 54 % der gesamten spanischen Olivenanbaufläche dar (über 1.37 Millionen Hektar)! Sie gehören rund 350'000 Kleinbauern und ihren Kooperativen und bilden das Rückgrat der ländlichen Räume in Andalusien, der Mancha und Extremadura. Im Durchschnitt besitzt hier jeder Bauer knapp 3.9 Hektar Olivenhain.

 

Wenn das Gros dieser Bauern gezwungen wird, die unrentablen Olivenhaine aufzugeben, passiert das Folgende:

  1. Wüstenbildung: Traditionelle Berg-Olivenhaine stehen meist auf steilen Hängen mit meist dünner Humusschicht. Durch die regelmässige Bodenpflege verhindern die Bauern, dass Starkregen, der in diesen Zonen im Herbst typisch ist, den Nährboden komplett abspült. Werden diese Flächen verlassen, spülen massive Sturzbäche die Erde weg. Das beschleunigt die Ausbreitung von Wüstenlandschaften in Regionen wie Andalusien, Murcia und Kastilien-La Mancha erheblich. 

  2. Brandschneisen & Verbuschung:

    Gepflegte Olivenhaine haben einen geringen Unterbewuchs und einen weiten Baumabstand. Sie wirken in der Landschaft wie natürliche Pufferzonen und Brandschneisen, die die Ausbreitung von Lauffeuern stoppen oder verlangsamen. Werden die Haine aufgegeben, breiten sich innerhalb weniger Jahre leicht brennbare Sträucher wie Zistrosen, Ginster oder trockenes Gras aus. Im heissen südspanischen Sommer verwandeln sich diese ungepflegten Flächen in regelrechte Pulverfässer, die Brände rasend schnell in bewohnte Täler tragen können.

  3. Sozialer Kahlschlag: In vielen Regionen Andalusiens – z. B. Sierra de Mágina, Subbética oder Teile von Jaén – gibt es kaum Industrie oder alternative Arbeitsplätze. Die lokale Wirtschaft hängt fast vollständig an der Olivenanlieferung an die örtliche Genossenschaft (Kooperative). Geben die Kleinbauern auf, weil sie 2 Euro pro Kilo Öl draufzahlen, bricht die Einnahmequelle der Familien weg. In der Folge schliessen die lokalen Ölmühlen, Schlosser, Landmaschinenhändler und so bald auch Bäckereien. Die Dorfjugend wandert noch mehr in die Grossstädte wie Madrid, Sevilla oder Málaga ab. Dieses Phänomen ist in Spanien unter dem Begriff "La España Vaciada" bekannt. Es bedeutet "das entleerte Spanien" und ist bereits heute ein massives soziodemografisches Problem. 

  4. Biodiversitätsverlust: Jahrhundertealte, extensive Olivenhaine, oft mit uralten Baumveteranen, bilden ein komplexes Mosaik-Ökosystem. Sie bieten Lebensraum für geschützte Arten wie den Iberischen Luchs, den Spanischen Kaiseradler, Steinkäuze, Reptilien und unzählige Insektenarten. Werden diese vielschichtigen Haine aufgeben und der Bedarf stattdessen ausschliesslich über intensivste, flache Heckensysteme gedeckt, geht der Lebensraum, wie wir ihn heute kennen, verloren. Superintensive Plantagen werden sehr dagegen sehr dicht gepflanzt, meist intensiv bewässert und erfordern häufig den Einsatz von Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden, was die Artenvielfalt auf diesen Industrieflächen drastisch reduzieren kann. 


Dass die Kleinbauern ihre Olivenhaine weiter pflegen, ist also aus mehreren Perspektiven äusserst wichtig. Doch diese Wichtigkeit wird vom grossen Markt trotz eigenen Lobgesängen auf die Nachhaltigkeit weitestgehend ignoriert.


Die Handarbeit im Olivenhain ist umso härter, wenn die Olivenbauern pro Kilo Öl über 2 Euro aus ihrer eigenen Tasche drauflegen müssen - evoo.expert - Olivenölwissen direkt von den Olivenöl-Experten
Diese Handarbeit in traditionellen Hainen ist umso härter, wenn pro Kilo Öl über 2 Euro draufgelegt werden müssen (Bild: Adobe Stock, Samuel Perales)


Der Zynismus des Grosshandels

Während die Olivenbauern in Córdoba, Sevilla und Jaén nämlich defizitär arbeiten, bedienen sich europäische Grosshändler, die sich nicht selten in mächtigen Einkaufsallianzen vereinen, ungeniert am billigen Bulk-Öl, dessen Preis sie mit wirksamen Mitteln erfolgreich gedrückt haben.


So ist der Preiszerfall auf nominal 3.26 €/kg alles andere als das Resultat von Angebot und Nachfrage, sondern das Ergebnis eines strukturellen Machtungleichgewichts.


Denn für den Lebensmitteleinzelhandel ist Olivenöl der Eckpreisartikel schlechthin. Grosse – zum Teil international operierende – Handelsketten wie Aldi, Carrefour, Coop, Edeka, Lidl, Mercadona, Migros oder Rewe nutzen das Preiseinstiegs-Olivenöl als Lockvogelangebot, um Kunden in die Filialen zu ziehen. Den enormen Margendruck, der durch diese Dumping-Angebote entsteht, reichen die zentralisierten Einkaufsallianzen nahtlos nach unten weiter. Wer die diktierten Tiefstpreise der Handelsriesen nicht bedient, wird knallhart ausgelistet.


Auf der Gegenseite stehen Hunderttausende Kleinbauern und lokale Kooperativen, die den Betrieb finanzieren müssen. Bauern müssen beispielsweise Dünger, Erntehelfer, Treibstoffe und den Unterhalt ihrer Gerätschaften sofort bezahlen. Deshalb gibt es im spanischen Olivenölsektor, der weitestgehend über das Kooperativensystem organisiert ist, sogenannte Abschlagszahlungen (Anticipos), die von den Mühlen an die Bauern entrichtet werden. Da die angelieferten Oliven von den Mühlen erst einmal zu Öl verarbeitet werden müssen und dieses anschliessend in Tanks zwischengelagert wird, ehe es verkauft werden kann, finanzieren die Mühlen die ersten Abschlagszahlungen an die Bauern entweder aus eigener Liquidität oder über Bankkredite. Wenn die Mühlen die Abschlagszahlungen über Bankkredite vorfinanzieren, laufen meist im Zeitraum Frühjahr bis Sommer die Rückzahlungstermine ab. Spätestens dann stehen die Mühlen unter grossem Handlungsdruck, flüssig zu werden. Folglich sind sie daran interessiert, das erzeugte Öl möglichst rasch zu verkaufen, um die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu bedienen oder die Liquidität wieder herzustellen.


Dieser Finanzierungsmechanismus ist den grossen Abfüllern und Brokern, die das Öl von den Kooperativen beziehen, und den mächtigen Einkaufsallianzen bekannt. Sie nutzen das Wissen, dass die Mühlen in einen Liquiditätsengpass laufen und verkaufen müssen, um die Preise zu ihrem Vorteil zu gestalten.


Verstärkt wird dieses Machtungleichgewicht durch austauschbare Eigenmarken-Olivenöle. In der Olivenölkategorie des deutschen Lebensmitteleinzelhandels sind Eigenmarken – Olivenöle, die unter dem Namen der Supermarkt- oder Discountkette verkauft werden – mit 80 % Marktanteil überproportional vertreten. Bei Ausschreibungen für riesige Abfüllkontingente werden Ölmühlen für Eigenmarkenware im Preiseinstiegsbereich (Bellasan, Carrefour, Gut & Günstig, Hacendado, M-Budget, Primadonna, Prix Garantie etc.) in einen ruinösen Unterbietungswettbewerb getrieben. Um ihre teils grossen Fabriken mit gigantischen Abfüllstrassen überhaupt ausgelastet zu halten, kalkulieren die Abfüller mit Preisen, die die Vollkosten der Olivenbauern völlig ignorieren. Dabei bedienen sich die findigen Einkäufer eines ethisch widerwärtigen Tricks: Sie setzen die spottbilligen Produktionskosten bewässerter Superintensiv-Haine (3.08 €/kg) als weltweiten Benchmark für Verhandlungen – wohlwissend, dass diese industriellen Hecken-Monokulturen gerade einmal 11 % der spanischen Anbaufläche ausmachen und mitunter auch völlig andere – teils problematische – Ölqualitäten liefern können.



"Extra Vergine" gibt es bei Mercadona derzeit für 4.80 €/l (Bild: Screenshot Mercadona)
"Extra Vergine" gibt es bei Mercadona derzeit für 4.80 €/l (Bild: Screenshot Mercadona)


Wenn grosse Händler europäisches Mainstream-Öl zu 3.30 bis 3.50 €/kg im Tankwagen einkaufen, es in PET-Flaschen abfüllen und dem Privatkunden als Eigenmarke für 8 bis 9 Euro pro Liter verkaufen, streichen sie vergleichsweise grosszügige Handelsspannen ein. Andererseits wird insbesondere im südeuropäischen Markt Olivenöl auch für unter 5 €/l verkauft. Das Argument, man bediene nur die "Marktnachfrage", ist vor dem Hintergrund des eben Dargelegten mindestens zynisch.



Heuschrecken beginnen, sich selbst zu verzehren

Wer glaubt, dass zumindest die globalen Konzerne, die in die Olivenölindustrie investiert sind, mit diesem Billig-System steinreich werden, irrt. Einige Grossabfüller wirtschaften seit Jahren oft defizitär. So auch der eingangs erwähnte Konzern Deoleo SA.


Seit 2014 sitzt die Private-Equity-Gesellschaft CVC Capital Partners auf dem spanischen Olivenöl-Koloss Deoleo, dem nach eigenen Angaben grössten Markenolivenölabfüller der Welt mit Marken wie Bertolli, Carapelli und Carbonell. Was vor über zehn Jahren als lukrative Renditeanlage angedacht war, hat sich für CVC in einen jahrelangen Albtraum verwandelt.


Um Deoleo vor der Pleite zu retten, mussten die Geldgeber in der Vergangenheit bereits radikale Schuldenschnitte und harte Refinanzierungen durchwinken. Millionen an Schulden wurden zähneknirschend in Eigenkapital umgewandelt (Debt-to-Equity-Swap), wodurch Altaktionäre massiv entwertet wurden und als Folge Hedgefonds wie Alchemy als Miteigentümer an Bord geholt werden mussten.


Aktuell versuchen die Investoren um CVC und Alchemy händeringend, den taumelnden Öl-Giganten abzustossen, um dem jahrelangen Schrecken endlich ein Ende zu setzen. Als potenzielle Käufer werden unter anderem Player wie die familiengeführte italienische Pietro Coricelli, die Investmentgruppe NewPrinces – ebenfalls aus Italien – oder Spaniens Mega-Kooperative DCOOP gehandelt. Vom Regen in die Traufe, könnte man sagen. All diese potenziellen Käufer reiten ihrerseits ebenfalls auf toten Pferden, die bereits am Billigöl erstickten. Denn, sie alle sind nicht bekannt dafür, dass sie sich für eine gerechte Bezahlung der Bauern und so für eine wertstiftende Olivenölindustrie einsetzen.



Kaufen die Italiener die Marken Bertolli und Carapelli zurück? (Bild: Screenshot Expansión)
Kaufen die Italiener die Marken Bertolli und Carapelli zurück? (Bild: Screenshot Expansión)


Es ist die Skizze eines kaputten Systems. Oder anders ausgedrückt: Die Industrie sägt an jenem Ast, auf dem sie sitzt.



Was müsste sich ändern?

Die neuen AEMO-Daten für 2026 zeigen unmissverständlich: Das derzeitige Preissystem ist nicht nachhaltig – weder für den kleinen Erzeuger in Andalusien noch für das globale Finanzkapital. Es zerstört das kulturelle und ökologische Erbe des europäischen Olivenanbaus.  


Statt aus späten Ernten 22 % fehlerhaftes Öl herauszupressen, müssen Olivenbauern belohnt werden, wenn sie früh ernten (Oktober/November), gesunde Früchte verarbeiten und dafür nur 12 bis 15 % Ertrag in Kauf nehmen. Echter Geschmack und hohe Biophenolwerte rechtfertigen deutlich höhere Preis im Endkundenmarkt. Berg-Olivenbauern dürfen nicht allein vom Bulk-Ölpreis abhängen. Sie müssen gezielt für den Erhalt der Landschaft, den Erosionsschutz und die Feuerprävention entschädigt werden.  


Bis dahin bleibt für den aufgeklärten Konsumenten und die gehobene Gastronomie nur eine Konsequenz: Meidet billiges Supermarkt- und Grosshandelsöl. Wer heute Olivenöl für ein paar Euro kauft, finanziert ein System aus industrieller Gier und Dummheit, das Kulturlandschaften ruiniert und Bauernfamilien die wirtschaftliche Existenz kostet. Wer gutes Öl schätzt, muss bereit sein, Preise zu bezahlen, von denen auch der Erzeuger in den Hügeln Andalusiens leben kann. 


Notiz: Natürlich gibt es heute spanische Olivengüter, die einen traditionellen oder intensiven Anbau pflegen und damit sogar Geld verdienen. Etwa, weil sie sich über Jahre einen Namen als Qualitätsölhersteller gemacht haben und ihre Olivenöle zu einem vergleichsweise hohen Preis absetzen können, der sowohl Deckungsbeitrag als auch Gewinn abwirft. Oder weil sie ungeachtet der tatsächlichen Ölqualität eine Prestigemarke aufgebaut haben, für die die Menschen viel Geld zu zahlen bereit sind. Diese Güter sind allerdings die Ausnahme. Und weiter muss man auch die Die EU-Subventionen berücksichtigen, die für den spanischen Olivenanbau entrichtet werden. Da eine Subvention kein Ertrag aus der operativen Tätigkeit eines Unternehmens ist, sondern eine staatliche Ausgleichszahlung darstellt, wurden diese Hilfszahlung in der Vollkostenrechnung von AEMO bewusst ausgeklammert. Im aktuellen PAC-System (Strategieplan 2023–2027) werden die Subventionen in der EU mit der Fläche und bestimmten Umweltauflagen und nicht mehr mit der erzeugten Ölmenge in Beziehung gesetzt. Umgerechnet auf die Öl-Erträge ergibt die PAC-Prämie im spanischen Durchschnitt eine Subvention von ca. 0.80 € bis 1.20 € pro Kilogramm produziertem Öl. Selbst unter Berücksichtigung dieser Subventionen gelten mindestens 54 % der gesamten spanischen Olivenanbauflächen als unrentabel. Kommt hinzu, dass die grossen Ölabfüller, die sich bei den Mühlen und Kooperativen bedienen, auch genaustens über dieses Subventionierungssystem Bescheid wissen und den Ölproduzenten entsprechende Rabattierungen abringen. Das unterstreicht die Mutmassung, dass nur dann rentabel Landwirtschaft betrieben werden kann, wenn der Gier ein Ende gesetzt wird.

bottom of page