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Grosser Olivenölbetrug: 1 Million Liter mit Kupferchlorophyll und Beta-Carotin eingefärbtes Samenöl als Olivenöl Extra Vergine verkauft – auch nach Deutschland.

  • vor 15 Stunden
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Olivenölbetrug: Gefälschtes Olivenöl nach Deutschland verkauft: Samenöl mit Chlorophyll eingefärbt als Olivenöl Extra Vergine vermarktet


In der letzten Januar-Woche 2026 förderten behördliche Ermittlungen einen grossen Betrugsfall ans Licht. Demnach sollen in den vergangenen vier Jahren von Sizilien aus fast eine Million Liter eingefärbtes Samenöl – unter anderem auf Rapsölbasis – als Olivenöl Extra Vergine in Umlauf gebracht worden sein. Auch nach Deutschland. Italien ist derweil kein Einzelfall. Das spanische Landwirtschaftsministerium präsentierte zum Jahresbeginn einen verschärften Kontrollplan für Olivenöl und Olivenöltresteröl. Dies nachdem der Präsident des weltgrössten Olivenölherstellers, Antonio Luque, vor Jahresfrist Betrugsvorwürfe erhoben hatte.



Am 27. Januar 2026 informierten die italienischen Carabinieri über einen Ermittlungsfall[1], der in seiner Tragweite weit über das hinausgeht, was gemeinhin mit vereinzelten Olivenölfälschungen assoziiert wird. Unter der Koordination der Staatsanwaltschaft Agrigento führten Spezialeinheiten der Carabinieri für den Schutz von Agrar- und Lebensmitteln in Messina und Agrigento umfangreiche Durchsuchungen und Beschlagnahmungen durch. Im Zentrum der Ermittlungen steht eine mutmasslich kriminell-organisierte Struktur, die über mehrere Jahre hinweg im grossen Stil mit Kupferchlorophyll (E141) und Beta-Carotin versetztes billiges Samenöl (unter anderem Rapsöl[2]) als natives Olivenöl extra in Verkehr gebracht haben soll – unter anderem nach Deutschland.


Nach Angaben der sizilianischen Ermittlungsbehörden werden 24 Personen und mehrere Unternehmen verdächtigt, sich zu einer kriminellen Vereinigung zusammengeschlossen zu haben, um systematisch Wirtschaftsbetrug zu begehen, Erlöse zu waschen und Steuervorschriften zu umgehen.[3] Die Vorwürfe beziehen sich keineswegs auf Einzelfälle oder gelegentliche Manipulationen, sondern auf ein über längere Zeit funktionierendes Betrugssystem.



Besonders aufschlussreich ist dabei weniger die technische Seite der Fälschung als vielmehr deren Dimension. Nach übereinstimmenden Angaben der Ermittler wurden über Jahre hinweg – die Überwachung durch die Behörden soll im Jahr 2022 gestartet haben – mehr als 220 Tonnen pro Jahr dieses "gefärbten" Öls hergestellt und abgesetzt. Hochgerechnet ergibt sich daraus innerhalb von vier Jahren ein Volumen von annähernd 880 Tonnen, was nahezu einer Million Litern entspricht.


Diese Grössenordnung ist entscheidend für das Verständnis des Falls, denn sie lässt keinerlei Raum für romantische Vorstellungen von lokaler Täuschung oder improvisiertem Absatz.

Solche Mengen verschwinden nicht beiläufig irgendwo in kleinen Parallelmärkten und sie lassen sich weder über Direktvertrieb noch über kleinteilige Kanäle erklären. Auch der gastronomische Bereich, so oft er in Diskussionen als Abnehmer genannt wird, wäre kaum in der Lage, über mehrere Jahre hinweg einen derart hohen, gleichmässigen und kontinuierlichen Warenabfluss sicherzustellen. Was hier offensichtlich wird, ist ein Absatzsystem, das auf Verlässlichkeit, Wiederholung und logistischer Planbarkeit beruht. Es braucht Transportkapazitäten, Lager, regelmässige Abnehmer und eine Struktur, die es erlaubt, quasi Woche für Woche Ware in grossem Umfang in Umlauf zu bringen.


In diesem Zusammenhang ist auch der geografische Rahmen bedeutsam, den die Ermittlungsbehörden selbst benennen. Das gefälschte Öl soll nicht nur in Sizilien, Kalabrien und im übrigen Italien vertrieben worden sein, sondern auch im Ausland. Deutschland wird dabei ausdrücklich erwähnt. Diese Nennung ist nicht zufällig, denn Deutschland ist ein klassischer Endmarkt für Olivenöl. Ohne nennenswerte Eigenproduktion, aber aufgrund der hohen Einwohnerzahl mit einem hohen, kontinuierlichen Verbrauch. Der Bedarf an Olivenöl wird in Deutschland vollständig über Importe gedeckt, was den deutschen Markt strukturell anfällig für Olivenölbetrug macht.




Der nun publik gemachte Betrugsfall zeigt, dass Olivenölfälschungen in dieser Dimension trotz angeblich guter Gesetzesgrundlagen stattfinden und mehr noch, dass sie wohl zahlreicher sind, als die Öffentlichkeit vermuten könnte.


Diese Einsicht wird von zahlreichen weiteren Vorfällen, die sich jüngst ereigneten gestützt: Erst im Sommer 2025 wurde ein Betrugsfall aus Apulien publik, bei dem rund 38 Tonnen gefälschtes Olivenöl in Altersheimen, Schulkantinen und Kindergärten verarbeitet worden waren.[4] Betroffen waren 38 Gemeinden in der Provinz Lecce. Das eingesetzte Öl erwies sich als Mischung aus Sonnenblumenöl und nicht verzehrfähigem Lampantöl. Die Ermittlungen legten ein über Jahre eingespieltes System offen, das gezielt öffentliche Ausschreibungen im Bereich der Gemeinschaftsverpflegung nutzte. Extrem niedrige Einkaufspreise ermöglichten es dem verantwortlichen Cateringunternehmen, Aufträge zu gewinnen, die bei Einhaltung der vertraglich geforderten Qualitätsstandards wirtschaftlich nicht darstellbar gewesen wären. Besonders pikant: Manche öffentliche Zuschläge erhielt das betroffene Unternehmen "ausser Konkurrenz". Apulische Kommunen haben diesen Betrug also erst ermöglicht.


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Spanien verschärft Kontrollen, nachdem DCOOP öffentlich über wahrscheinlichen Betrug sprach

Erst vor diesem Hintergrund erhält auf aktuelle spanische Geschehnisse seine eigentliche Bedeutung. Das spanische Landwirtschaftsministerium MAPA kündigte Anfang 2026 einen deutlich verschärften Kontroll- und Anti-Betrugsplan für die gesamte Olivenöl- und Tresterölkette an.[5] Ab 2026 sollen mindestens 20 Prozent aller Marktteilnehmer jährlich kontrolliert werden, mit einem klaren Fokus auf risikobasierte Prüfungen, digitale Rückverfolgbarkeit und verstärkte Kontrollen im Handel, bei Grossabfüllern und an den Grenzen.


Dazu kam es offensichtlich, weil Antonio Luque, Präsident der Genossenschaft DCOOP und einer der einflussreichsten Akteure der globalen Olivenölindustrie, Ende November 2024 öffentlich erklärte, es gebe innerhalb der spanischen Branche grosse Marktteilnehmer, die systematisch raffiniertes Olivenöl mit Samenölen oder Tresterölen verschnitten und dieses Gemisch als schlichtes "Olivenöl" in Verkehr brächten.[6] Nur so lasse sich erklären, weshalb industriell hergestelltes Olivenöl, das aus nativem und aus raffiniertem Olivenöl besteht, zu Preisen angeboten werde, die unter jenen von Lampantöl liegen – obwohl letzteres nur rein mechanisch gewonnen werde.


Luque, Chef des grössten Olivenölherstellers der Welt, sprach dabei von Hinweisen, nicht von gerichtsfesten Beweisen, und nannte keine Namen. Die Reaktion liess damals dennoch nicht lange auf sich warten. Branchenverbände wiesen die Vorwürfe entschieden zurück, und auch der spanische Landwirtschaftsminister Luis Planas stellte sich zunächst schützend vor den Sektor. Die Anschuldigungen seien "unglücklich und unverantwortlich", hiess es, sie schadeten dem Ansehen einer ganzen Branche. Zugleich forderte der Minister, konkrete Fälle mit Namen zu benennen, andernfalls könne der Staat nicht tätig werden.


Ob Luque Namen nannte, ist nicht bekannt. So oder so will das spanische Landwirtschaftsministerium nun den Olivenölsektor genauer unter die Lupe nehmen. Dass das offizielle Spanien diesen Schritt geht, obwohl die Vorwürfe Antonio Luques zunächst entschieden zurückgewiesen wurden, ist aufschlussreich. Es deutet darauf hin, dass das Bewusstsein für strukturelle Risiken grösser ist, als es die damalige öffentliche Abwehrhaltung vermuten liess. So dürfte der jetzt vorgelegte spanische Kontrollplan als indirektes Eingeständnis verstanden werden, dass die formale Gesetzgebung allein nicht ausreicht, um systematischen Betrug in einem hochvolumigen Markt zuverlässig zu verhindern.




Der Europäische Rechnungshof bestätigt strukturelle Kontrolllücken

Weil Olivenöl zu den wichtigsten Agrar- und Lebensmittelprodukten der Europäischen Union zählt, hat der Europäische Rechnungshof über mehrere Jahre hinweg untersucht, ob die bestehenden Kontrollsysteme tatsächlich gewährleisten, dass in der EU verkauftes Olivenöl echt, gesundheitlich unbedenklich und bis zu seinem Ursprung rückverfolgbar ist.[7]


Der im Januar 2026 veröffentlichte Sonderbericht 01/2026 fällt ernüchternd aus. Zwar verfüge die EU über einen umfangreichen rechtlichen Rahmen für Olivenöl, doch dessen Umsetzung sei zwischen den Mitgliedstaaten uneinheitlich, so der Rechnungshof. Demnach würden vorgeschriebene Konformitätskontrollen – chemische Analysen ebenso wie sensorische Prüfungen – nicht überall im vorgesehenen Umfang durchgeführt. Laboranalysen seien teils unvollständig, nicht-pestizide Kontaminanten wie Mineralölkohlenwasserstoffe oder Weichmacher würden nicht systematisch überwacht.


Ausserdem unterläge importiertes Olivenöl aus Nicht-EU-Ländern nur sehr eingeschränkten Kontrollen, und selbst die Rückverfolgbarkeit bis zum Ursprung sei nicht durchgängig gewährleistet.


Der Rechnungshof hielt in seinem Sonderbericht zudem fest, dass die EU-Kommission als verordnende Institution nur über einen begrenzten Überblick über die in den Ländern durchgeführten Kontrollen verfüge, da die Berichterstattung der Mitgliedstaaten lückenhaft sei.



Formale Konformität reicht nicht aus

Gefälschtes Olivenöl, das in solch grossem Stil gehandelt wird, bewegt sich offensichtlich durch Dokumente, Zertifikate, Rechnungen und Begleitpapiere, die für Vermittler und Abnehmer auf den ersten Blick plausibel wirken. Alles fügt sich in ein Bild, das kaum Anlass zur Nachfrage bietet. Allerdings reicht eine formale Konformität nicht aus, um Betrug – in diesem ganz offensichtlich unverbesserlichen Markt, wie es der ehemalige Präsident des grössten Markenölabfüllers der Welt, Pierluigi Tosato, jüngst formulierte – ausschliessen zu können.


So zeigt der aktuelle Olivenölfälschungsfall exemplarisch, wie anfällig selbst etablierte Systeme sind, wenn sich Überprüfungen allzu sehr auf Papiere beschränken und wenn Vertrauen in Gedrucktes zur stillschweigenden Geschäftsgrundlage wird.


Olivenöl ist für Fälschungen besonders prädestiniert, weil seine Qualität nicht auf den ersten Blick erkennbar ist und weil Dokumenten mehr Beweiskraft zugemessen wird als der einfach zu überprüfenden sensorischen Substanz oder neuen, schlagkräftigen physiko-chemischen Analysemöglichkeiten.


Für Grossabnehmer, die sich und ihre Kunden vor gefälschtem Olivenöl schützten wollen, ergibt sich daraus eine klare, aber unbequeme Konsequenz. Der Einkauf von Olivenöl darf keine Vertrauensfrage sein, sondern muss eine Frage der systematischen lückenlosen Überprüfung werden. Ausschreibungen, Lieferantenbewertungen und Qualitätsanforderungen müssen so gestaltet sein, dass sie nicht einfach die vom Internationalen Oliven Rat festgelegten – und viel zu laschen – formalen Kriterien abfragen, sondern reale Prüfmechanismen mit Sicherungsnetz verankern. Dazu gehören belastbare Qualitäts- und Authentizitätsvorgaben, strikte Nachprüfung von Bemusterungen – vor allen Dingen auch über sensorische und neuartige physiko-chemische Analysen, nachvollziehbare Herkunftsmodelle sowie vollständig transparente Logistikketten – vom Olivenhain über die Mühle bis zum Ladenregal des Abnehmers. Zusätzlich bedingt es die Bereitschaft, etablierte Annahmen regelmässig zu hinterfragen, selbst dann, wenn ein Lieferant bekannt ist, die Zusammenarbeit langjährig besteht und bisher alles reibungslos funktionierte.


Zum Schluss muss man das Folgende wissen: Der Handel hat es nicht mit vereinzelten schwarzen Schafen zu tun. Vielmehr er die weissen Schafe aus einer Herde schwarzer Schafe isolieren und mit ihnen Verträge für die Belieferung von echtem Olivenöl schliessen. Die Konsequenz daraus wäre zweifelsfrei, dass der Grossteil der als "nativ extra" deklarierten Olivenöle aus den regalen verschwinden würde. Echtes Extra Vergine bildete bloss die Qualitätsspitze der Sortimente. Alles andere wäre zu unterteilen in einfaches "Vergine" und "Olivenöl - bestehend aus raffinierten und nativen Olivenölen".


Quellen

[1] Carabinieri Agrigento, Pressemitteilung "Olio 'contrafatto' venduto come extravergine vom 27.01.2026; zu finden unter: https://www.carabinieri.it/in-vostro-aiuto/informazioni/news/2026/01/27/new0-20260127015000-1797380

[2] Traffico di olio contraffatto: ecco chi sono i 25 indagati, TP24.it vom 30.01.2026; zu finden unter: https://www.tp24.it/2026/01/30/cronaca/traffico-di-olio-contraffatto-ecco-chi-sono-i-25-indagati/229093

[3] CINOTTI Enrico, Olio "colorato" venduto come extravergine: le aziende coinvolte, Il Salvagente vom 29.01.2026; zu finden unter: https://ilsalvagente.it/2026/01/29/olio-colorato-venduto-come-extravergine-le-aziende-coinvolte/

[4] BRUN Silvan, Gepanschtes und gefälschtes Olivenöl in Altersheimen: 38 Gemeinden vom Betrug betroffen!, evoo.expert; zu finden unter: https://www.evoo.expert/post/gepanschtes-und-gef%C3%A4lschtes-oliven%C3%B6l-in-altersheimen-38-gemeinden-vom-betrug-betroffen

[5] El Ministerio de Agricultura, Pesca y Alimentación refuerza con nuevas medidas el plan de control de la calidad del aceite de oliva, MAPA vom 09.01.2026; zu finden unter: https://www.mapa.gob.es/es/prensa/ultimas-noticias/detalle_noticias/el-ministerio-de-agricultura--pesca-y-alimentaci-n-refuerza-con-nuevas-medidas-el-plan-de-control-de-la-calidad-del-aceite-de-oliva-/a4dbd8bd-580d-4f7c-83e9-6424d93971ea

[6] BRUN Silvan, Die Omertà der spanischen Olivenölindustrie ist gebrochen. Der Präsident des weltgrössten Olivenölherstellers bezichtigt die Industrie des systematischen Betrugs., evoo.expert; zu finden unter: https://www.evoo.expert/post/die-omert%C3%A0-der-spanischen-oliven%C3%B6lindustrie-ist-gebrochen-der-pr%C3%A4sident-des-weltgr%C3%B6ssten-oliven%C3%B6lhe

[7] Sonderbericht 01/2026: Kontrollsysteme für Olivenöl in der EU – Ein umfassender Rahmen, der jedoch nicht einheitlich angewandt wird, Europäischer Rechnungshof; zu finden unter: https://www.eca.europa.eu/de/publications/SR-2026-01

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